Lucky Boy wurde zum Wanderpokal, obwohl er zunächst in allerbeste Hände verkauft wurde.

 

"Lucky Boy war fünf, als ich ihn im Alter von knapp 12 Jahren von meinen Eltern geschenkt bekam. Er konnte noch nicht viel und für mich war es mein erstes eigenes Pferd. Zunächst hatten wir unsere Startschwierigkeiten, denn nach ein paar Monaten ging seine Testphase los: Lucky rannte so lange wild durch die Halle und bockte dabei, bis ich unten war. Zum Glück hatte ich jedoch nie Angst und bin immer wieder aufgestiegen. Irgendwann war ich sattelfest und Lucky wurde immer zuverlässiger und ausgeglichener. Er hat alles mitgemacht: Am Wochenende starteten wir in Dressur- und Springprüfungen, in der Woche sind wir ausgeritten und haben dabei Wettrennen veranstaltet, organisierten auf dem Reiterhof chönheitswettbewerbe (mit Blumen im Haar) und kleine „Freiheitsdressuren“ ohne Halfter. So wurde Lucky im Lauf der Zeit zum Inbegriff des „Bilderbuch-Ponies“. Ich bekam von fremden Menschen Komplimente auf den Turnieren, weil er ein außerordentlich hübscher Kerl war. Selbst Kinder konnten auf ihm mittlerweile Reitstunden nehmen, ihr Reitabzeichen mit ihm machen und Spaß haben. Leider bekam Lucky jedoch eine chronische Bronchitis, die immer mal wieder zum Vorschein kam, jedoch mit dem ein oder anderen Mittel sehr gut behandelt werden konnte.

 

Mit 17 Jahren wurde ich leider zu groß für ihn, außerdem wollte ich so gerne im Springen weiterkommen. Freunde und Trainer rieten mir, mich nach einem größeren
Pferd umzuschauen. Gesagt und getan: Nach einiger Zeit war die Wahl auf „Conti“ gefallen. Naiv wie ich war, habe ich Lucky bei dem Verkäufer in Zahlung gegeben.
Er fand jedoch zum Glück ein tolles Zuhause bei einem älteren Pärchen in Helmstedt - mit eigenem Stall und kleiner Zucht. Die Frau wollte Lucky lediglich freizeitmäßig reiten und viel ausreiten. Er konnte die meiste Zeit auf der Weide stehen. Ich besuchte Lucky dort einmal. Im Stall lief klassische Musik, er sah zufrieden aus und
hustete gar nicht mehr. Ich habe mich so für ihn gefreut und bin in dem Bewusstsein, dass er es gut hat, nach Hause gefahren.

 

Etwa zwei Jahre später bekam ich über Facebook eine Nachricht von einer jungen Frau aus der Nähe von Wolfsburg. Sie habe Lucky vor dem Schlachter gerettet.
Es stellte sich heraus, dass er doch nicht das vermeintlich ideale Zuhause gefunden hat. Man wollte mit ihm nun doch Turniere reiten und habe ihn deshalb in einem neuen Stall mit besseren Trainingsmöglichkeiten untergebracht. Dort stand er in einer recht staubigen Box, so dass seine Bronchitis wieder schlimmer wurde. Irgendwann waren die Besitzer wohl nicht mehr bereit, noch mehr Geld in den Tierarzt zu investieren und man wollte ihn dann einfach loswerden. Zum Glück kannte der behandelnde Tierarzt diese junge Frau, die gerade erst ihr Pferd verloren hatte. Er machte sie auf den hübschen Wallach aufmerksam und tatsächlich nahm sie Lucky auf und war glücklich mit ihm. Auch hier habe ich ihn besuchen dürfen.

 

Wieder zwei Jahre später bekam ich eine Nachricht von einer weiteren Frau aus Goslar. Sie habe Lucky übernommen, da seine Vorbesitzerin durch die Geburt ihres Kindes
keine Zeit mehr gehabt hat. Lucky wäre beim Reiten zwar sehr wild, aber er habe es gut bei ihr. Naja, ich habe ihr geglaubt und ihr während des Gesprächs angeboten, dass sie mir Lucky sofort wieder bringen könnte, falls sie ihn nicht mehr behalten möchte oder kann. Ich habe noch ein paar mal Fotos von ihm bekommen, dann jedoch keine Antworten mehr.

 

Nach dem Tod meines Pferdes Conti war dann der Wunsch von meiner Seite,
den Verbleib von Lucky aufzuklären, so groß, dass ich mich mit meinem damaligen Partner auf den Weg nach Goslar gemacht habe, um diese Frau zu besuchen.
Die Adresse konnte ich herausfinden, aber dort wohnte sie zwischenzeitlich nicht mehr. Durch ihre ehemaligen Nachbar konnte ich jedoch in Erfahrung bringen, in welchen Ort sie verzogen ist. Wir fuhren dorthin, fragten herum und schließlich standen wir vor dem Haus: eine abgewrackte Hütte, überall lag Müll herum. Ich klingelte und die Dame öffnete sogleich. Ja - sie sei diejenige, die Lucky gekauft hat, allerdings musste sie ihn zwischenzeitlich aus finanziellen Gründen wieder abgeben. Sie bat uns herein und erzählte. Es stellte sich heraus, dass sie und ihr Partner seit Jahren von Hartz4 lebten, nebenbei Rottweiler züchteten und so versuchten, irgendwie über die Runden zu kommen. Irgendwann konnte sie die Unterhaltungskosten für das Pferd
nicht mehr aufbringen und sie inserierte Lucky bei Ebay Kleinanzeigen. Es habe sich ein netter Mann gemeldet, der ein Pferd für seine Tochter suche bzw. ein Beistellpferd für ihr junges Pferd. Man habe sich auf 175 Euro geeinigt und ein paar Tage später sei er vorbei gekommen. Er sei sogar extra mit einem großen LKW gekommen und habe das junge Pferd mitgebracht, damit Lucky nicht allein fahren musste. Mit dem Mann habe sie lediglich per Mail kommuniziert. Ich bekam seine Mailadresse, die der einzige Anhaltspunkt zu seiner Identität war. Noch im Auto suchte ich im Internet nach Informationen zu ihm und das, was ich auf die Schnelle fand, ließ nichts Gutes erwarten: Herr S. sucht regelmäßig mit Kleinanzeigen nach Schlachtpferden.

 

Völlig aufgelöst fuhren wir noch am selben Tag in das kleine Dorf V. in die Nähe von Gifhorn, wo besagter Mann angeblich die Pferde seiner Tochter hielt. Mit dem ausgedruckten Bild von Lucky klingelten wir an der Tür. Es war jedoch nur sein Vater anwesend, der darauf verwies, dass sein Sohn unterwegs sei. Vor der Tür stand der beschriebene LKW. Bei allen umliegenden Höfen klingelten wir und bekamen so ein recht eindeutiges Bild von Herrn S. aus V. Er kauft günstige Pferde auf, hält sie für kurze Zeit auf seinen Weiden und fährt angeblich in unregelmäßigen Abständen zu Viehmärkten nach Polen. Von dort bringe er zudem Hundewelpen mit. Seine Tochter wäre im Reitsport aktiv, aber darüber wisse man nicht mehr. Später konnten  wir die Telefonnummer von Herrn S. herausfinden, aber er beteuerte, dass er Lucky nicht kennen würde. Sogar seine Exfrau bekamen wir ans Telefon. Sie wolle jedoch mit ihm und seinen Machenschaften nichts mehr zu tun haben. Wir gaben eine Suchanzeige bei Ebay Kleinanzeigen mit Bildern von Lucky auf. Kurz darauf bekamen wir einen Rückruf von Herrn S. Er teilte uns wortwörtlich mit: „Ich habe eueren scheiß Gaul nicht, aber ich werde ihn vor Euch finden, ihn aufhängen, aufschlitzen und euch ein Video davon schicken“. Dazu kamen noch diverse Drohungen gegen unser Leben.

 

Diese ganze Suche spielte sich im August 2014 ab. Seitdem gibt es keinerlei Lebenszeichen mehr von Lucky. Im Pass ist er als Nicht-Schlachtpferd deklariert, u.a. aufgrund der verabreichten Medikamente gegen den Husten. Leider wurde auch nie ein Besitzerwechsel eingetragen. Zu der Zeit war er eigentlich noch sehr fit, also weder lahm noch unreitbar. Daher wäre es durchaus denkbar, dass er als Reitpferd weiterverkauft wurde. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann Gewissheit darüber bekomme, was mit ihm geschehen ist.

 

Anja R.

 

 

Hinweis: für die Richtigkeit der Schilderungen übernimmt der Seitenbetreiber keine Verantwortung, da es sich hierbei um einen persönlichen Erfahrungsbericht handelt.