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Vor Gericht und auf hoher See bist Du in Gottes Hand

Der am 07.08.2016 in Beverstedt abgegebene Hannoveraner Wallach "Bursche" konnte bekanntlich Wochen später durch glückliche Zufälle, aufmerksame Bürger und einer beherzt handelnden Besitzerin von einem Pferdehändler aus Visselhövede für 4.000 Euro zurückgekauft werden, nachdem er für den symbolischen Euro, in bester Absicht und voller Vertrauen an unsere Pferdehofbetreiberin aus Beverstedt abgegeben wurde. In der Klageschrift begründete die Anwältin der Geschädigten den Anspruch auf Erstattung der Kaufsumme aufgrund der arglistigen Täuschung. Wir kennen mittlerweile alle die Geschichte um die besagte durchtrittigen Zuchtstute, für die ein neuen Kumpel gesucht wurde.

 

Wenige Tage nach Ankunft stand der Wallach nachweislich bereits in einem Handelsstall in Damme, angeblich und nach Aussage des Lebensgefährten der Angeklagten, weil die Vergesellschaftung mit der Stute nicht funktioniert hat. Er wusste zwar um das vertraglich vereinbarte Vorkaufsrecht, hat dem aber eigenen Angaben zufolge keine Bedeutung zugemessen und sich dennoch entschieden, Bursche schnellstmöglich abzugeben. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

 

Heute also wurde endlich, nach mehrmaliger Terminschiebung und im Namen des Volkes eine Entscheidung gefällt:

 

Die Beklagte wurde verurteilt, Schadensersatz in Höhe von 250 Euro nebst  Zinsen in Höhe von fünf Prozent seit dem 16.11.2016 zu leisten, zudem trägt sie die Kosten des Verfahrens und hat der Klägerin die Anwaltskosten, bemessen an dem heute festgelegten Schadensersatzanspruch zu erstatten. Im Weiteren wurde die Klage abgewiesen, da die arglistige Täuschung und die betrügerischen Absichten nicht belegt werden konnten.

 

Ok, soweit nehmen wir das zur Kenntnis. Aber aufgrund dessen - und nun wechseln wir die Perspektive - sehe ICH mich ausnahmsweise herausgefordert, eine persönliche Stellungnahme abzugeben, wohlwissend, dass in unserem Land die freie Meinungsäußerung ein unantastbares, hohes Gut und auch mein ureigenes Bürgerrecht ist.

 

Werter Herr Amtsrichter,

 

auch wenn ich mich selbst juristisch als absoluter Laie bezeichnen würde, so nagte in mir schon immer der altruistische Hunger nach Gerechtigkeit. Sie jedoch konnten heute mit Ihrem Richterspruch dieses tief verankerte Bedürfnis in keinster Weise stillen. Im Gegenteil - Sie lassen mich heute tatsächlich sprachlos zurück. Seit heute weiß auch ich, was es heißt, Recht zu haben oder Recht zu bekommen, wenn auch nur aus meiner Adlerperspektive heraus.

 

Hinlänglich bekannt sind die sagenumwobenen Schilderungen von unzähligen Klägern oder geschädigten, die im felsenfesten Glauben an die die deutsche Gerichtsbarkeit, an den gesunden Menschenverstand und im Vertrauen auf eine anständige Betrachtung der Sachlage vor Gericht um ihr Recht kämpften und kopfschüttelnd zurückblieben, da sie in ihren idealistischen Vorstellungen einfach nur enttäuscht wurden. Bislang ging ich in meiner Naivität davon aus, dass dieses Bewusstsein um Gerechtigkeit instinktiv in jedem Menschen tief verankert ist, doch ich wurde heute leider eines besseren belehrt. Stattdessen reihe ich mich nun ein in diese Riege der Fassungslosen. Ich stelle als außenstehender Betrachter Ihrer heutigen Entscheidung fest, das vor Gericht offensichtlich nichts vorhersehbar, aber dennoch alles möglich ist und weiß auch nun, dass die oben zitierte Erkenntnis mit der hohen See und Gottes Hand wohl nicht von ungefähr kommt. Ich halte Ihr Urteil für grundlegend falsch, ich  vermisse ganz eindeutig Ihre moralische Verantwortung und eine grundlegend ethische Betrachtungsweise der Ereignisse. Sie erkennen mit Ihrem Richterspruch eben nicht an, dass die Beklagte ganz bewusst falsche Tatsachen vorgetäuscht hat, um in den Besitz des streitgegenständlichen Pferdes zu gelangen. Sie widersetzen sich - womöglich bewusst - einer weit über den Tellerrand hinaus gerichtete Sichtweise auf den Gesamtkontext und vergessen dabei die hohe Anzahl der so angeeigneten Pferde. Werter Herr Amtsrichter, diese Frau hat nach heutiger Erkenntnis 55 Pferde auf dubiose Art und Weise an sich genommen. Sie hat nicht nur hemmungslos gelogen, getäuscht, sondern auch ihren privilegierten Status als uniformierte Staatsbedienstete nahezu missbraucht, um den damaligen Besitzern der Tiere Sicherheit zu vermitteln und sich unser Vertrauen erschlichen. In meinem vierseitigen Brief, den Sie viele Tage vor Ihrer heutigen Entscheidung erhalten haben sollten, habe ich Ihnen die Methoden der Beklagten ausführlich geschildert.  Haben Sie diesen Brief überhaupt gelesen oder waren Sie womöglich tatsächlich so ignorant und haben diesen Bericht mit den Fakten und belegbaren Tatsachen schlichtweg ungeöffnet ad acta gelegt?

 

Seit Monaten kämpfen wir nun dafür, dass die Praktiken dieser Frau und ihrem Lebenspartner nicht ungesühnt bleiben und versuchen in jeder freien Minute unseres Lebens, die Wege unserer Pferde nachzuverfolgen und deren Schicksal aufzuklären. Heute jedoch ist der Tag gekommen, an dem ich persönlich den Kopf am liebsten ganz tief in den Sand stecken und klein beigeben möchte. Es schwirrt die Frage in meinem Kopf, die da lautet: was macht das alles für einen Sinn?  Ihr Urteil im Namen des Volkes hat mich tatsächlich für ein paar Stunden in Schockstarre versetzt, ABER ich wäre nicht ich, wenn mich solche Tiefschläge nicht erst recht motivieren würden.

 

Sie haben heute jedoch insbesondere ein aus meiner Sicht ungeheuerliches Signal für das tägliche Zusammenleben gesetzt und das ist etwas, was mich am meisten entsetzt, erteilt es doch unseren unlauter agierenden Mitbürgern nahezu einen Freifahrtschein. Bei mir ist jedenfalls die Botschaft angekommen, dass es offenbar keine Rolle spielt, ob man lügt, betrügt oder vollkommen unaufrichtig agiert - man bekommt ja dennoch Recht. Damit führen Sie zumindest meine  fundamental verankerten Wertevorstellungen, die mir meine lieben Eltern mühsam beigebracht haben, in wenigen Minuten ad absurdum. Das ist genau das, was ich Ihnen ganz besonders  verüble, aber ich werde nun erst recht alles in meiner Macht stehende tun, um das nicht zuzulassen.

 

Was das für die zukünftige Praxis des weitläufig verbreiteten betrügerischen Pferdehandels bedeutet, mag ich mir gar nicht ausmalen. Sie hätten heute die Chance gehabt, sich z.B. eine Goldene Mistgabel zu verdienen - so wie vor ein paar Jahren der von mir hoch verehrte Herr Amtsrichter Korff. Doch diese Auszeichnung bleibt zunächst noch in der Schublade.

 

Stattdessen kann ich nur voller Sarkasmus und sehr laut verkünden: Auf, auf Ihr Händler - greift ab, was Ihr bekommen könnt, lasst Eurer Phantasie bei der Erfindung immer neuer Geschichten freien Lauf , bescheißt die Leute ohne Rücksicht auf Leib und Leben und verdient Euch eine goldene Nase an den Pferden. Und nicht vergessen - die vielen europaweit gültigen Verordnungen und Festlegungen sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind!

 

Ich habe fertig.